Wir haben mit Verena Geweniger, Präsidentin des Deutschen Pilates Verbandes von 2006 bis 2016, ein Interview geführt. Die Fragen via E-Mail stellte Manfred Mühlmann.

 

PVA: Der Deutsche Pilates Verband - DPV - feiert 2016 sein 10jähriges Jubiläum. Die Gründungsversammlung des amerikanischen Pilates-Verbandes PMA im Jahre 2001, bei der du aktiv teilgenommen hast, war für dich die Initialzündung zur Gründung eines deutschen Verbandes. Was waren die ersten Reaktionen von Pilates-Kolleg*innen und -Ausbildungsinstituten zur Idee eines deutschen Verbandes?

VG: Es war nicht so, dass alle gleich „Hurra“ schrien. Eine Liste aller zertifizierten Trainer*innen der einzelnen Institute ja - aber zusammenzuarbeiten, gemeinsame Entscheidungen zu treffen, wurde durchaus skeptisch gesehen. Ich bekam sogar zu hören „wenn die drin ist, dann ohne mich!“ – aber auch das hat sich, nachdem der Verband gegründet wurde, von alleine erledigt.

 

In den Anfängen hatten alle zertifizierten Ausbildungsinstitute gleichzeitig ein Stimmrecht im Vorstand. Dann wurde der Vorstand auf drei Personen reduziert - Vorsitzende, stellvertretende Vorsitzende und Schatzmeisterin. Wie kam es dazu?

Ich fand die Idee anfangs hervorragend, aber in der Praxis hat es sich überhaupt nicht bewährt. Bis alle ihre Stimme abgegeben hatten, war zeitraubend. Um handlungsfähiger zu sein, haben wir den Vorstand reduziert und den Instituten ein Mitspracherecht im „Zertifizierungsausschuss“ gesichert.

 

Wieviele Mitglieder und zertifizierte Ausbildungsinstitute gibt es heute?

Mit Ende September 2016 waren es 704  Mitglieder und 16 Institute. 3 weitere Institute hatten wegen einer Mitgliedschaft angefragt.

 

Eine Errungenschaft des DPV ist, dass es in Deutschland „Pilates auf Krankenschein“ als Präventionsprogramm gibt. Gesetzliche Krankenkassen bezuschussen Kurse bis zu 80%, wenn diese von der Zentralen Prüfstelle Prävention, kurz ZPP anerkannt werden. Können alle zertifizierten DPV-Mitglieder solche Kurse anbieten?

Nein, aber schön wäre es! Grundsätzlich wird von der ZPP als „Grundqualifikation“ bei den Trainer*innen ein Sportstudium, eine Physiotherapie-Ausbildung oder eine Ausbildung als staatlich geprüfte/r Gymnastiklehrer*in verlangt. Im Bereich Pilates, der sogenannten „Zusatzqualifikation“ ist eine Ausbildung im Mattenprogramm entscheidend. Daher hat die Matwork-Ausbildung bei uns einen besonderen Stellenwert! Wenn Zertifikate im Gerätebereich vorliegen, wird von der ZPP und dem DPV nachgehakt, ob denn da auch eine Mattenausbildung eingeschlossen sei und wenn ja, ob diese auch über die geforderten 100 Unterrichtseinheiten, sprich 75 Zeitstunden ging.

 

Welche Pilates-Kurse sind anerkannt? Und wie läuft die Abwicklung konkret in der Praxis ab?

Es geht um Prävention. Es geht darum unsere Kund*innen derart zu motivieren, dass sie regelmäßig „Hausaufgaben“ machen, selbst aktiv werden und Verantwortung übernehmen.

Um eine „ZPP-Anerkennung“ zu bekommen, muss man sich auf der ZPP-Homepage anmelden, den Kurs ausführlich beschreiben und Stundenbilder für 10 Unterrichtsstunden erstellen. Ein sehr aufwendiges Unternehmen! Häufig werden die Unterlagen abgelehnt und man kann erneut beginnen.

Zum Glück ergab sich die Möglichkeit als Verein ein sogenanntes „Standardisiertes Konzept Pilates“ einzureichen. Ich habe ein solches Konzept 2015 erstellt, es wurde nach einigen Anlaufschwierigkeiten anerkannt und ist für 3 Jahre gültig. Das bedeutet: Trainer*innen mit Grundqualifikation müssen an einer von der ZPP vorgeschriebenen 6-stündigen „Einweisung“ in dieses Konzept teilnehmen.  Mit dem Nachweis der Teilnahmebescheinigung, der Grund-und Zusatzqualifikation erhält man die Anerkennung seines Pilates-Mattenkurses

 

Und wie sieht die Compliance bei den Kund*innen aus?

Die Kund*innen finden das natürlich toll, aber ich denke, es würde auch keiner aufhören, wenn dies nun wieder mal nicht mehr so liefe. Dieses Hin & Her der Kassen habe ich in 30 Studio-Jahren öfter erlebt.

 

Auf deine Initiative hin gibt es einen Zusammenschluss der Pilates-Verbände aus Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz als European Pilates Alliance. Welche Themen und Ziele siehst du hier vorrangig?

Grundsätzlich ging es mir darum, gemeinsam an Ausbildungsstandards zu arbeiten, sich diesbezüglich auszutauschen und die Suche nach qualifizierten Trainer*innen über unsere Grenzen hinweg zu ermöglichen. 

Es wäre schön, wenn man noch intensiver zusammenarbeiten könnte. Das wird sicher auch mal funktionieren. Aber zunächst haben die einzelnen nationalen Verbände genug damit zu tun, unsere Vorstellungen von Pilates im eigenen Land zu etablieren. Das zumindest war mein Eindruck nach diversen Gesprächen oder E-Mails mit den sehr geschätzten europäischen Kolleg*innen.

 

Heutige Generationen von Trainer*innen können auf ein gewachsenes Angebot an Pilates-Ausbildungsstätten und -Fortbildungsangeboten in Deutschland und Österreich zurückgreifen. Frühere Generationen mussten viel Geld und Zeit investieren, um die teuren Studio-Ausbildungen in England oder Amerika zu absolvieren. Ein wesentlicher Teil einer Mitgliedschaft in unseren Verbänden ist die Qualität einer Ausbildung und die Verpflichtung zu Fortbildungen. Wie siehst du die Entwicklungen der Ausbildungen und das Qualitätsniveau der Fortbildungen im internationalen Vergleich?

Wir haben hier inzwischen sehr gute Ausbildungsinstitute und eine vielfältige Auswahl an sinnvollen, interessanten Fortbildungen in Europa, ob durch internationale Franchiseunternehmen oder durch hier bei uns gewachsene Institute. Ich denke wir brauchen keine großen Reisen mehr zu unternehmen und außerdem kommen genügend Pilates-Superstars (Teacher Trainer*innen) zu uns. 

Die Entwicklung der Ausbildungen sehe ich aber auch skeptisch, da immer mehr Institute um Kursteilnehmer*innen kämfen, und nicht jede/r zukünftige Pilates Trainer*in bereit ist, für eine fundierte Ausbildung auch entsprechend zu bezahlen. Der „Präsenzunterricht“, das heißt die Stunden in denen ein/e Ausbilder*in tatsächlich unterrichtet, werden zunehmend weniger, während die „Hospitationsstunden“ aufgestockt werden, um auf die einst festgesetzten Standards des DPVs und damit auch der ZPP, zu kommen. Es wird auch schon mit Ausbildungen „Ready to teach in 1 weekend“ geworben.

Ich bin davon überzeugt, dass ohne die Anerkennung der Pilates-Mattenausbildung durch die ZPP und die damit verbundenen Vorgaben bzgl. des Ausbildungsumfangs, die Ausbildungen immer mehr abflachen würden. Und ich bin viel zu altmodisch, um so etwas gut zu heißen. 

International wage ich nicht zu vergleichen. Ich habe euch (PVA) immer darum beneidet, dass eure Mattenausbildung scheinbar ohne Probleme deutlich umfangreicher ist, als unsere. Ich musste hier um jedes Ausbildungswochenende kämpfen. 

Ich bin 2006 sehr naiv davon ausgegangen, dass Ausbilder*innen meine Idealvorstellung von einer guten Ausbildung teilen. Wie sehr ökonomische Aspekte die Ausbildung bedingen, habe ich nicht bedacht. Erst im Frühjahr bekam ich wieder zu hören, man lasse sich nicht mehr von mir in die Ausbildung reinreden. Das kann ich verstehen, dann muss man eben den Ausschluss aus dem DPV akzeptieren.

 

Würdest du dich selbst als Authentic bzw. Classical-Pilates-Trainerin bezeichnen oder zählst du zu den Pilates-Hybriden, ein Begriff den Alycea Ungaro in ihrem Artikel „Is there any Pilates in your Pilates?“ kreiert hat. Sie findet, dass Pilates-Übungen nur in der von Joseph Pilates vorgegebenen Reihenfolge zu erfolgen haben und nur der Magic Circle als von Joseph Pilates selbst verwendetes Matwork Trainingsgerät von ihr anerkannt wird.

Ich bin ganz klar ein Hyprid und das sehr gern und aus vollster Überzeugung. 

ABER:  Ich bin der Meinung, dass jede/r Pilates Trainer*in das klassische Training kennen sollte, aber auch umgekehrt classical Pilates Trainer*innen sich mit „contemporary“ Pilates-Ausführungen und Experimenten beschäftigen sollten. Welcher Richtung man letztendlich folgt, hängt nur davon ab wie authentisch man das Ganze rüberbringen kann und ob man sich in seinem eigenen Unterricht wohlfühlt.

 

Was gefällt dir an der Person Joseph Pilates am besten und was betrachtest du kritisch rund um den „Mythos“ Joseph Pilates?

Ich bewundere seine Kreativität. Er hat uns ein tolles Trainingssystem hinterlassen, aber ich glaube, dass ich mit ihm absolut nicht klar gekommen wäre. Er war definitiv ein sehr schwieriger, launischer Charakter. Also Kerzchen vor seinem Bild sehe ich kritisch. Selbst Romana Kryzanowska schrieb mir einmal, dass sie sich nur über „his work“ aber nicht über „the person himself“ äußern würde.

 

Was auffällt ist, dass Pilates im Vergleich zu Yoga in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen wird und noch nicht zum Breitensport geworden ist. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Das liegt daran, dass sich unter Yoga jeder Laie, jede/r Ärzt*in eher was vorstellen kann, als unter Pilates. Yoga ist auch viel länger präsent als Pilates. Ich hatte meine ersten Yoga-Kurse 1970. Ich sagte auch schon mal, dass wir Pilates aus der „Ballettecke“ holen sollten. Wir müssen noch einiges dafür tun, dass unser Trainingssystem in einem anderen Umfeld wahrgenommen und akzeptiert wird. Auch Männer trainieren Pilates und Pilates ist nicht nur für Tänzer*innen und ähnlich Bewegungsbegabte geeignet.

 

Du warst 10 Jahre die Frontfrau des Verbandes und hast diese Tätigkeit mit großem Engagement und viel Zeiteinsatz ehrenamtlich ausgeübt. Am 30. September 2016 wurde ein neuer Vorstand und Dörte Fehling als neue Vorsitzende gewählt. Was ist für dich persönlich das Resümee?

Ich bereue nicht wertvolle Zeit, die ich eigentlich auch sehr sinnvoll für mein Studio, für meine Kund*innen hätte verbringen können, dem DPV gewidmet zu haben. Ich denke es hat sich alles in allem gelohnt.

 

Ich möchte dir im Namen des Vorstandes des PVA und seiner Mitglieder für deine langjährige Tätigkeit, dein Engagement und die Zusammenarbeit danken. Der PVA hatte in seiner Gründung den deutschen Verband zum Vorbild. Und unsere Mitglieder haben deinen Pilates TRX Event 2012 in Wien noch in bester Erinnerung.

Ich danke euch für die gute Zusammenarbeit! Auf Österreich war immer Verlass, keine E-Mail blieb unbeantwortet – es war eine Freude und Hilfe. Auch ich erinnere mich gerne an Wien.

 

 

Links:

Deutscher Pilates Verband

Pilates Verena Geweniger - Pilates Studio in Darmstadt

European Pilates Alliance

Pilates Method Alliance

Is there any Pilates in your Pilates? - Artikel von Alycea Ungaro, verywell.com August 2016 - last visit 22. Oktober 2016

 

 

 

Zur Person Verena Geweniger:

1987 eröffnete sie ihr eigenes Studio in Darmstadt für Funktionelle Gymnastik, Rückenschule und gesundheitsorientiertes Krafttraining. Ihre Pilates Ausbildung absolvierte sie in Deutschland, England und USA und ist seit 1997 als Trainerin tätig. Weiters absolvierte sie Ausbildungen in Gyrotonic®, Gyrokinesis®, Thai Yoga Massage und ist Certified TRX® Suspension Trainer sowie Fachkraft Spiraldynamik®. Sie ist für das Ausbildungsinstitut Polestar tätig und Mitautorin des 2011 erschienen Fachbuches "Das Pilates-Lehrbuch: Matten- und Geräteübungen für Prävention und Rehabilitation".

 

 

Oktober 2016